Eigentlich könnte John Daly zu den ganz Großen gehören, wären da nicht seine andauernden Alkoholgelage, Fress-Orgien und Zocker-Eskapaden. An Talent mangelt es dem 42-jährigen Amerikaner nämlich nicht, wie der Wortwechsel bei einem Aufeinandertreffen zwischen Tiger Woods und Daly verdeutlicht. Der weltbeste Golfer kam nassgeschwitzt aus einem Fitnessraum, und Daly sagte: „Ich weiß gar nicht, warum du dir das zumutest.“ Und Woods antwortete: „Wenn ich dein Talent hätte, müsste ich es nicht tun.“
Grip it and rip it
Wenn John Daly zum Schläger greift, weiß der Zuschauer nie, ob er ganz vorne mitspielt oder sich eher unter ferner liefen befindet. Einen Mittelweg scheint es beim skandalträchtigen Amerikaner nicht zu geben. Garantiert ist nur eines: der Unterhaltungswert stimmt fast immer. Seine Art Golf zu spielen ist so spektakulär wie sein ganzes Leben. Nichts davon findet sich in einem Lehrbuch. „Grip it and rip it“ (Pack den Schläger und hau drauf) nennt der zweifache Major-Gewinner seinen Stil. Er ist extravagant, unorthodox und vor allem riskant. Doglegs kürzt er generell mit langen Drives ab, da legen andere mit einem Eisen lieber sicher vor. Grüns auf kurzen Par-4 Löchern werden ausnahmslos mit dem Driver gespielt, egal ob sie von Wasser und Bunkern bewacht werden. Bei einem ProAm schlug sogar von einer gefüllten Bierdose ab. Und nicht selten spielt er den Ball einfach über eine vor ihm wartende Gruppe ohne „fore“ zu rufen, weil ihm das Spiel zu langsam geht. Oder er bricht plötzlich eine Runde ab, weil er schlichtweg keine Lust mehr hat. Bei dem blonden Koloss weiß man nie, was als nächstes passiert. John Daly ist eben anders, er ist ein Phänomen.
Von Diet Coke und Kippen
Und genau dafür lieben ihn seine Fans, huldigen ihn mit Spitznamen wie „The Lion“, „Wild Thing“ oder „Long John“. Dass solch ein Typ eigentlich gar nicht in die Golfszene passt, zeigt auch sein Trainingsaufwand. Während Vorzeigeathleten wie Harrington, Woods oder Cabrera stundenlang an ihrem Spiel und ihrer Fitness feilen, hat Daly einen ganz anderen Trainingsplan. Sein Körper braucht täglich zwanzig Diet Cokes und zwei Schachteln Zigaretten, wie selbst betont: „Ich gehe nicht in den Fitnesstruck, weil ich dort nicht rauchen darf.“ Auch auf seine Cola würde er niemals verzichten. „Immer wenn ich auf dem Golfplatz eine Flasche Wasser trinke, spiele ich ein Bogey“, lautet seine simple Begründung. Bei der US PGA Championship 2006 in Tulsa, Oklahoma, verzichtete das Schwergewicht sogar auf die Proberunden, da ihm die 40 Grad auf dem Platz zu heiß waren und er seine Kräfte fürs Turnier schonen wollte. Stattdessen genoss er die Vorbereitungstage im klimatisierten Spielcasino von Tulsa, obwohl das Glücksspiel ihn im Laufe seiner Karriere bereits um zig Millionen Dollar brachte. „Es könnte sein, dass ich in den vergangenen 15 Jahren etwas mehr als 55 Millionen Dollar verspielt habe“, erklärte er auf einer Pressekonferenz bei der St. Jude’s Classic und verfügte noch hinzu. „Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass es nicht weniger ist.“ Angesichts der Tatsache, dass Daly während seiner ganzen Karriere auf der US-Profi-Tour nur knapp neun Millionen Dollar an Preisgeld verdient hat, ist das schon eine beachtliche Summe. Finanziert hat er sich seine langjährige Zockleidenschaft mit Antrittsgeldern und lukrativen Werbeverträgen. So konnte er immer wieder ein Loch nach dem anderen stopfen.
Trocken aber kein bisschen Leise
Mittlerweile hat Daily seine Spielsucht überwunden, was man von seiner ausufernden Liebe zum Alkohol nicht behaupten kann – trotz Statements wie diesem: „Ich trinke nur noch einige Dosen Bier, aber ich rühre den Teufel Jack Daniels nicht mehr an.“ Seit Jahren schon versucht der zweifache Major-Gewinner trocken zu werden. Gelungen ist es ihm aber noch nicht, obwohl es an Unterstützung nicht mangelte. Ely Callaway beispielsweise, der Gründer der gleichnamigen Schlägermarke unterzeichnete einst mit Daly einen hoch dotierten Sponsorenvertrag, der an die Bedingung geknüpft war, er müsse seine Trinksucht bei den Anonymen Alkoholikern bekämpfen. Die Kooperation platzte genauso wie einige andere danach. Im Oktober letzten Jahres dann der traurigen Höhepunkt in seiner Trinkerkarriere. Nach einem Saufgelage hatten Passanten Daly ohnmächtig vor einem Hooter’s Restaurant gefunden und den Rettungsdienst alarmiert. „Die wussten nicht, dass ich, wenn ich betrunken bin, mit offenen Augen schlafe“, begründete Daly seine Verfrachtung in eine Ausnüchterungszelle des lokalen Gefängnisses in North Carolina. „Ich bin nicht verhaftet worden, aber für alle Welt sah es so aus“, versuchte er die peinliche Situation zu retten. Allerdings zu spät. Sein Foto in orangefarbener Gefängniskleidung war schon längst um die Welt gegangen. Genauso wie ein Video, das Daly während eines Fernsehinterviews auf dem nach ihm benannten Platz des „John Daly’s Murder Rock Golf and Country Club“ in Branson, Missouri zeigte. Eigentlich nichts ungewöhnliches, nur puttete der wuchtige Koloss mit nacktem Oberkörper, barfuss und in Jeans! Gleich drei Todsünden auf einmal – und dazu noch während eines Interviews! Grund genug für den Commisioner der PGA-Tour, Tim Finchen, die Notbremse zu ziehen. Hatte er Daly Wochen zuvor noch durchgehen lassen, dass er während einer Regenpause bei der POD Championsship im Publikumszelt bei übermäßigem Bierkonsum und einer spontanen Unterwäsche-Autogrammstunde für seine weiblichen Fans überrascht wurde, war das Maß mit seiner Verhaftung endgültig voll. „Es gibt Dinge, die können wir einfach nicht tolerieren“, erklärte Finchen und verdonnerte den Golf-Rüpel im Januar zu einer sechsmonatigen Zwangspause, um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen.
Zwischen Liebe und Hass
Gute Gründe finden sich dafür zu genüge. Beispielsweise sein Eheleben. Das ist seit Jahrzehnten ein einziger Scherbenhaufen. Vier Scheidungen, eine öffentlich ausgetragene körperliche Auseinandersetzung und eine angebliche Messerattacke seiner letzten Exfrau liegen hinter ihm. Insbesondere die Geschichte um die Attacke seiner damaligen Frau Sherrie sorgte für gewaltige Furore in der amerikanischen Golfszene. 2006, während der Stanford St. Jude Championship in Memphis/Tennessee, kehrte Daly mit Schnittverletzungen im Gesicht ins Klubhaus zurück und behauptete, im Schlaf von seiner Frau mit einem Steakmesser angegriffen worden zu sein. „Wir lieben uns ein klein bisschen mehr als wir uns hassen“, kommentierte er nur lakonisch. Was an der Sache wirklich dran war, wurde nie geklärt. Eins steht allerdings fest. Trotz seines ausschweifenden Lebensstils, der vier kostspieligen Scheidungen („Alle meine Ex tragen eine Rolex“) und der Millionen verspielter Dollar ist John Daly kein armer Mann. Für frische Dollars sorgten vor allem neue Sponsorenverträge, allen voran mit der amerikanischen Schnellimbisskette Hooters, deren Markenzeichen leicht bekleidete, junge Damen sind. Auch seine 2000 gegründete Firma „John Daly Enterprises“ lässt die eigene Kasse mit Herren- und Damenbekleidung, Golf-Accessoires und Memorabilia klingen. Selbst das Geschäft als Winzer scheint zu florieren. Seinen Fans bietet Daly unterschiedliche Traubenmischungen wie „The Fairway Range“, „The Lions Range“ und „The Perfect Round“ an – und die greifen gerne zu.
Back on the Track
Ein anderes, lukratives Betätigungsfeld ist der Bau von Golfplätzen. Gemeinsam mit dem kanadischen Architekten Bo Danoff designte er beispielsweise den ganz in der Nähe der Niagarafälle gelegenen Par 72-Kurs des Thundering Waters Golf Club. Und in den USA, war Daly als Co-Designer bei der Gestaltung des spektakulären Links Course des Wicked Stick Golf Club südlich von Myrtle Beach beteiligt. Zudem ist der gebürtige Kalifornier in seiner Wahlheimat Dardanelle, Arkansas, stolzer Besitzer eines eigenen Golfclubs, in dem es keine Etikettevorschriften gibt und jeder für wenig Geld spielen darf wie er will. „Mir ist es egal, was die Leute anhaben, sie sollten nur die intimsten Stellen bedeckt haben“, scherzte Daly. Neben seinen wirtschaftlichen Betätigungsfeldern hat John Daly aber nie vergessen, wie privilegiert Weltklassegolfer sind und das daraus gesellschaftliche Verantwort erwächst. Daher unterstützt er auch seit Jahren mit seiner „John Daly Charitable Foundationen“ verschiedene soziale Projekte und Einrichtungen in seiner Wahlheimat Arkansas. „Er ist einer der großzügigsten und nettesten Seelen“, behauptet der ehemalige Profi David Feherty. „Die einzige Person, zu der er jemals nicht nett war, ist er selbst.“
