Stefan Kretzschmar war als bester LinksauĂen der Welt einer der erfolgreichsten deutschen Handballspieler. Wegen seines extravaganten Aussehens mit Kinnbart, Piercings und TĂ€towierungen am ganzen Körper, nannte man ihn respektierlich den “Handball-Punk”. WĂ€hrend seiner AffĂ€re mit Franziska van Almsick bildete er mit ihr das schillerndste Liebespaar des deutschen Sports und gehörte zum internationalen Jet Set. Im Juli 2007 beendete Stefan seine Profikarriere. FĂŒr ihn begann ein neues Leben. Sportreporter statt Spieler, Kolumnist statt Punk und privat wieder ein Familienleben mit seiner Frau Maria und den Kindern.
Ich sitze im Wintergarten des Arosa Golf Resorts am ScharmĂŒtzelsee in Bad Saarow. Stefan Kretzschmar und ich wollen auf dem Arnold Palmer Platz eine Runde Golf spielen. Wir frĂŒhstĂŒcken zusammen. Ein wunderschöner Morgen mit Blick auf den See. Auch seine Eltern setzen sich zu uns. Sie sind von Schöneichen herĂŒber gekommen, der Vater hat Geburtstag und der wird hier gefeiert. “Meine Eltern waren sehr viel bessere Sportler als ich”, stellt Stephan mir seine Eltern vor, “ich stehe in unserer Familie immer nur in der zweiten Reihe. Meine Mutter war dreimal Handball-Weltmeisterin. Mein Vater hat als Spieler die Weltmeisterschaft im Feldhandball gewonnen und als Trainer die Frauen der damaligen DDR zu Weltmeistern gemacht. Ich dagegen war immer nur Zweiter. Zweiter Europameister, zweiter Weltmeister, und bei Olympia habe ich auch nur Silber gewonnen, “ grimassiert er ein bisschen. Die Eltern lachen. “DafĂŒr warst Du 1994 und 1995 Handballer des Jahres, hast in der Weltauswahl gespielt und hast ein LĂ€nderspiel mehr als ich”, sagt seine Mutter, “nĂ€mlich 218.”
Von Ehrgeiz bis zum Blutigwerden
“Wie war das in Ihrer Familie mit dem Ehrgeiz”, frage ich die Mutter.
“Wir waren eine absolute Ehrgeiz Familie, immer und bei allem wollte jeder von uns besser sein als der andere. Wir sind unentwegt Leistungsorient miteinander umgegangen.”
Der Vater mischt sich ein. “Meine Frau war die Ehrgeizigste. Sie sah das zwar immer nur sportlich, doch manchmal hat sie ĂŒbertrieben. Einmal, ich glaube Stefan war damals 12, spielte sie in unserem Garten mit einem dick verbundenen Knöchelbruch Softball-Tennis gegen ihn. Wer letztlich gewonnen hat, weiĂ ich nicht mehr, ich weiĂ nur, dass ich mit meiner Frau nach dem Spiel ins Krankenhaus musste. Ihr Knöchel war erneut gebrochen”, erinnert er sich. “Aber ich hatte gewonnen”, lacht seine Frau.
Dass die Kretzschmars eine so ehrgeizige Familie sind, habe ich nicht gewusst. Aber auf dem hohen sportlichen Niveau, auf dem die Kretzschmars sich bewegten, ist es wohl ohne “Ehrgeiz bis zum Blutigwerden” nicht möglich. (O-Ton Stefan Kretzschmar) Fast habe ich vergessen, dass ich wegen einer Runde Golf mit Stefan nach Bad Saarow gekommen bin.
Nach unserem unterhaltsam interessanten FrĂŒhstĂŒcksgesprĂ€ch gehen wir auf die Runde. Wir spielen den Arnold Palmer Platz. Mit einer LĂ€nge von 6.563 Metern und dem Slope Wert 134 nicht leicht zu spielen, aber ein wunderschöner Course mit vielen taktischen Ăberraschungen
Stefan spielt seit 1994 Golf. WĂ€hrend der Olympischen Spiele in Atlanta hat er sich gemeinsam mit seinem besten Nationalmannschafts-Freund Blacky Schwarzer einen SchlĂ€gersatz gekauft und mit dem Golfen angefangen. Ich erzĂ€hle ihm, dass ich mit Blacky im letzten Sommer auf dem Golfplatz war und er mit den SchlĂ€gern aus Atlanta spielte. “Kuck mal,” sagt er und zeigt mir sein gut gefĂŒlltes Golf-Bag, “auch meine SchlĂ€ger sind noch die aus Atlanta. Die hat uns damals ein Fachmann speziell fĂŒr unsere GröĂe angefertigt. Sie waren so teuer, dass ich sie noch nicht ausrangiert habe. Und warum soll ich auch, die sind noch super. Du wirst das gleich sehen!” Er hat lange nicht gespielt und ist ein bisschen aus der Ăbung, doch nach ein paar Löchern sehe ich, dass er eine solide Grundausbildung hat und gut mit seinen SchlĂ€gern umgehen kann. Vor allem seine AbschlĂ€ge und Fairwaydrives werden von Loch zu Loch besser. Waren meine SchlĂ€ge am Anfang unseres Spiels deutlich lĂ€nger als seine, so verringert er diesen Unterschied, je lĂ€nger wir spielen. Um gegen ihn zu gewinnen, muss ich meine Punkte auf den zweiten Neun beim kurzen Spiel machen. Gegen seine AbschlĂ€ge und seine enorm langen Fairwaydrives komme ich nicht mehr an. Stefan gewinnt, hier bin ich nur Zweiter. Er freut sich.
Von Gala zu Gala
WĂ€hrend der Halfway-Pause frage ich ihn nach Franziska van Almsick. “Wir konnten nichts fĂŒr diese Liebe, sie war einfach da. Bei den Olympischen Spielen in Sydney haben wir uns kennen gelernt. Sydney war fĂŒr uns beide die enttĂ€uschendste Olympiade, die wir je erlebt hatten. Franzi musste mit einer Bronzemedaille in der Staffel zufrieden sein, ich wurde mit unserer Nationalmannschaft nur FĂŒnfter. Wir haben uns gegenseitig getröstet. Als bekannt wurde, dass wir ein Paar sind, spielten die Medien geradezu verrĂŒckt.” Stefan verdreht die Augen. “In meinem Leben verĂ€nderte sich schlagartig vieles. Als Handballer wirst Du in Ruhe gelassen, mit Franzi als Freundin aber kam ich in die “Bunte” und in die “GALA”, von der Sportseite in die Klatschspalte. Interessant, wie viele Menschen sich plötzlich fĂŒr uns interessierten, aber auch pervers, wie pietĂ€tlos einige waren. Ich kannte mich in der elitĂ€ren Sportwelt bestens aus und war einen gewissen Rummel gewöhnt, doch was in der gesellschaftlichen Highsociety abging, hatte ich so nicht gekannt. Wir lieĂen uns von Gala zu Gala schleppen, jetteten von einem Empfang zum anderen und wurden von Paparazzis verfolgt. Die Atemlosigkeit bestimmte unser Leben.” Nach vier Jahren trennten sich Franziska van Almsick und Stefan Kretzschmar.
Der RĂŒcktritt des Handball-Punks
Die Liebe zum Handball hat Stefan Kretzschmar zu dem gemacht, was er heute ist, ein Popstar des Sports. So einen wie ihn hatte es nie zuvor gegeben. Er war einer, der mit Hausbesetzern sympathisierte, der zu 1.-Mai-Demos ging und sich fĂŒr Minderheiten engagierte. Er war der Sonnyboy in den Sportarenen, begeisterte die Massen durch sein perfekt geniales Spiel und provozierte mit Piercings und immer wieder neuen TĂ€towierungen. “Kretzsche” war die schillerndste Figur der deutschen Sportszene. Als Handball-Punk ist er zurĂŒckgetreten, Sport-Ikone mit viel Wissen und groĂem Werbewert werden wir von Stefan Kretzschmar noch viel hören. Auf der Terrasse des Clubhauses direkt neben dem Green der Achtzehn warten seine Frau Maria und Töchterchen Lucie auf uns. Als Stefan seinen letzten Ball eingelocht hat, stĂŒrmt Lucie auf ihren Papa zu, springt ihm in die Arme und gibt ihm einen dicken Kuss. “Lucie ist ganz aufgeregt”, lacht ihre Mutter, “sie hat Dir viel zu erzĂ€hlen. Sie war beim Schwimmen in der Jugendgruppe und hat gewonnen!” Eng umschlungen und mit strahlendem LĂ€cheln verabschieden sich die drei. Ich glaube, sie sind eine richtig gute Familie.
