Schwarz, groß, einzigartig

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Morgan Freeman hebt sich ab vom üblichen Hollywoodstar. Nicht etwa, weil er noch extravaganter oder durchgeknallter ist, eine noch protzigere Villa kauft oder mit der unzähligsten öffentlich ausgetragenen Beziehungskrise den Weg in die Klatschspalten geht. Das alles hat er nicht nötig. Morgan Freeman ist so natürlich, wie es sich einer leisten kann, der weiß, dass er selbst genug Ausstrahlung hat. Trotzdem widersteht der große Mime der Versuchung, Ausstrahlung und Politik zu vermischen – er selbst bezeichnet sich als „unpolitisch wie ein Tier.“ Morgan nutzt Freeman, um die Botschaft der Gleichberechtigung der Menschen zu verbreiten ohne dabei Klassenkämpfer zu sein.

Morgan Freeman wurde 1937 in Memphis,Tennessee geboren. Das ist da, wo die USA noch sehr tief im Bewusstsein göttlich verordneter Rassentrennung verhaftet waren und sind. Die Familie zog nach Chicago und später nach Los Angeles, wo der junge Freeman das Community-College absolvierte. Südstaaten hin, Chicago her: Morgan lernte von Klein auf, wie sich schwarz und weiß in Amerika verhalten sollten. Er lernte, dass er im Bus nicht die gleichen Plätze benutzen darf wie weiße Mitbürger, er lebte im offenen Ghetto. In einem Interview erzählte er unumwunden: „Der Rassismus war so allgegenwärtig, so alltäglich, dass es schwer war, ihn überhaupt wahrzunehmen. Als Kind bestand mein Mikrokosmos aus Schwarzen. Ich sah nur Menschen, die aussahen wie ich.“

Aber er musste auch erkennen, dass schwarz nicht gleich schwarz ist und nicht gleich mit afroamerikanischer Solidarität à la Martin Luther King und Malcom X zu setzen ist. „Im Ghetto herrschte große Kriminalität, ähnlich wie heute in South Central in Los Angeles. Jugendliche waren in Gangs organisiert. Konkret bestand die Alternative, sich ihnen anzuschließen oder jeden Tag eins auf die Fresse zu kriegen. Und zwar von Schwarzen.“ Aber Freeman schloss sich nicht an, und er ließ sich nicht unterbuttern. Er wurde zur Nervensäge, die den Rassismus ausdiskutierte. Noch heute erklärt er – völlig unpolitisch, dass er für viele Filmrollen abgelehnt wurde, nicht etwa weil er schwarze Hautfarbe hat, sondern „weil ich den Leuten auf die Nerven ging“.

Es sind diese Lebenseinstellungen, die Weg auf den Olymp von Hollywood ebnen. Unpolitisches Charisma vereint mit vorzüglichem schauspielerischem Talent. Das lernte der junge Freeman nach College und vier Jahren als Mechaniker in der US-Army auf der Bühne in einer Bühnenproduktion mit dem bezeichnenden Titel „The Niggerlovers“. Es folgte der Auftritt in einer afro-amerikanischen Version des Musicals „Hello Dolly“. Mit einem Auftritt in der TV-Serie „The electric Company“ fand er landesweit Beachtung und den Weg in die großen Filmstudios.

Gibt es jemanden mit Kino- oder Fernsehanschluss, der nicht den grandios besetzten und umwerfend liebenswert inszenierten Film „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ gesehen hat? Freeman spielt in seinem 12. Kinostreifen den Fahrer der hochnäsigen Miss Daisy. Die beiden tuckern jahrzehntelang mit den schönsten Schlitten der Filmgeschichte durchs Land und erleben so die Annäherung von schwarz und weiß, von Diener und Chefin. Die Berliner Filmfestspiele lohnten den Auftritt 1990 mit dem silbernen Bären – und Hollywood ließ ihn nicht mehr von der Leine.

Seither hat Freeman in mehr als 45 erstklassigen Kinoproduktionen Haupt- und Nebenrollen mit starken Charakteren besetzt. Er spielte Gangster und Polizisten, Anwälte und amerikanische Präsidenten, alternde Cowboys und clevere CIA-Agenten. Er ist sanft und brutal, einfühlsam und rücksichtslos – aber immer schafft es der 1,89 große Darsteller, vor allem dank seiner physischen Präsenz zu überzeugen. Freeman ist kein Sexsymbol wie Denzel Wa-shington, aber er schafft, woran andere Hollywoodgrößen scheitern: Er altert in Würde und sehr ansehnlich. Die Reduktion von Mimik und Gestik, die sich selbst die Besten der Besten erst nach Jahrzehnten in der Traumfabrik zutrauen, sind Markenzeichen seiner Figuren. Und immer sind die Typen dabei so glaubwürdig wie Morgan Freeman selbst.

Solches Können belohnt Hollywood gerne – und in den letzten Jahren sogar auch bei schwarzen Schauspielern. Im Oktober 2003 wurde Morgan Free-man im Rahmen der World Awards vom ehemaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow „für seine Leistung als einer der wichtigsten Charakterdarsteller Hollywoods“ mit dem World Artist Award ausgezeichnet. Im gleichen Jahr bekam er den begehrten Stern auf dem „Walk of Fame“ in Los Angeles. Und im Februar 2005 erhielt er für seine Leistung in Clint East-woods Boxerinnen-Drama „Million Dollar Baby” den Oscar als Bester Nebendarsteller. Freeman ist auch hier wieder ein Schwarzer – Hausmeister, Trainergehilfe, ein Mann von der Straße mit Herz und Charisma. Freeman verkörpert wieder einmal den klassischen Afroamerikaner und gibt ihm Authentizität, Charme und Würde.

Aber Morgan Freeman, der sich gerne mit Ohrschmuck zeigt, ist nicht nur der Schauspieler. Sein Faible für schwarze Musik führte ihn unweigerlich zum Blues. Und der Blues begann der Legende nach in Clarksdale, Mississippi. Von hier aus entfaltete er seine Wucht, hier lag sein „Ground Zero“. Daher auch der Name eines Blues-Schuppens, den Freeman im Mai 2001 mit einigen Freunden aus der Taufe hob. „Der Ground Zero Blues Club wurde gegründet, um das reiche Erbe des Blues in dieser Region zu bewahren, und um ihm eine neue Plattform zu bieten“, heißt es auf der Website des Lokals. Ganz pragmatisch.

Schauspieler, Geschäftsmann, Produzent, Bar-Besitzer – und seit einigen Jahren auch Golfspieler. Freeman sagt über sich selbst, dass der Einstieg in Golf für ihn einen „Wendepunkt“ bedeutete. Als Mann, der viel reist aber keinen Ausdauersport mehr betreiben konnte, bot und bietet Golf eine ideale Möglichkeit zur Entspannung. Und mehr, denn Freeman reflektiert Golf wie das Leben – es ist so unbeständig wie Tagesform und das Leben selbst. Aber „wenn Du auf den Ball zielst, dann ist das das Einzige im Leben, was zählt. Du bist völlig allein auf dem Grün.“ Und auch hier kann Freeman dem Tun diese gehörige Portion Freude entlocken, die er seiner gesamten Arbeit abzugewinnen versucht: „Wenn ich diese Jungs – Tiger Woods, Vijay Singh, Jim Furyk, Phil Mickelson – ansehe, dann ist das ermutigend, weil die auch immer wieder frustriert sind von ihren Leistungen. Allerdings sind sie nicht ganz so oft frustriert von sich wie wir anderen.“

Freeman versucht, den ultimativen Punkt zu finden. In seinen Filmfiguren, im Golf oder neuerdings auch als Pilot mit Flugschein. Man muss wohl immer die Grenzen neu abstecken, wenn man wie Morgan Freeman über sich selbst hinaus wachsen, der beste sein und dennoch mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben will.

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