„Ich gebe niemals auf“ - Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann: Das Leben eines Künstlers

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Starkoch Eckart Witzigmann (m.)

Sternekoch Gerhard Schwaiger bezeichnete ihn vor kurzem als „den Glaubensgeber und Retter der Gastronomie in Deutschland.“ Die Universität Örebro in Schweden, Europas einzige staatliche Universität für Gastronomie, ehrt den Koch mit den genialen, künstlerischen Fähigkeiten in diesem Jahr mit dem höchsten Titel: Professeur de la Cuisine; die Stadt Wien zeigt dem Mann aus Österreich ihre Verehrung mit dem goldenen Verdienstzeichen und die Deutsche Akademie für Kulinaristik wählt ihn zu ihrem Präsidenten. Auf eine Sache aber ist Grandseigneur Eckart Witzigmann am meisten stolz: seine ungebrochene Willenskraft, niemals aufzugeben.

Trotz großer Selbstdisziplin und einem endlosen Drang zur Perfektion, weiß auch der mittlerweile 69-jährige Charmeur und Lebemann Witzigmann, was es bedeuten kann, in der Küche nicht so ganz bei der Sache zu sein. Der Drei-Sterne-Koch ist nämlich durch seine eigene erste Gesellenprüfung gefallen, weil er frisch verliebt war: „Liebe geht eben auch durch den Kopf“, meint Witzigmann herzlich lachend und erinnert sich spontan an den Namen der damaligen Herzensdame: Ida Karl war es, die dem Meisterkoch mit der charismatischen Aura einst den Kopf verdrehte. Heute ist es seine Lebensgefährtin, die Münchenerin Nicola Schnelldorfer, aber irgendwie klingt der Mann mit dem vollen Terminkalender, der kaum noch Zeit für ein Privatleben findet, um einiges weiser als früher: „ Ja, das ist eine nette Beziehung und tut mir gut. Die Nicola akzeptiert es, dass ich so wenig zuhause bin, macht mir keine Probleme. Das ist wichtig. Wenn ich auf Reisen bin, brauche ich meine Ruhe. Während ich arbeite sind die Leute um mich herum meine Familie“, so der Mann, dem nachgesagt wird, oftmals launisch zu sein. „Also, ich merke nichts davon“, bemerkt er grinsend und man spürt deutlich den Schelm in ihm.

Zu seiner Ex-Frau hat er heute ein ausgezeichnetes Verhältnis, und er klingt sehr warmherzig, wenn er über Monika und die beiden gemeinsamen Kinder Veronique und Max erzählt. Den Kindern und seinen Enkelkindern Marietta (11), Alois (9) und Leni (5), hat er sein Buch „Familienkoch“ gewidmet. Monika habe sehr gut gekocht und auch die Kinder zum guten Essen beeinflusst. Seine Kinder scheinen die berühmte Witzigmann-Kreativität geerbt zu haben. Max schreibt erfolgreich Drehbücher, hat Sketche für Hape Kerkeling geschrieben und Erkan und Stefan erfunden. „Ein genialer Schreiber“, kommentiert der stolze Vater anerkennend; Veronique kreiert sehr erfolgreich Marmeladen. Und die Monika, die habe immer zu ihm gestanden, habe ihn immer unterstützt, obwohl sie traurig war, dass sie das gemeinsame wunderschöne Haus in McLean (Virginia/USA) aufgaben, um nach München zu ziehen.

Genau hier, in dem legendären Restaurant „Tantris“, begann die beispiellose Karriere des legendären Eckart Witzigmanns. Acht Jahre im „Tantris“ sollten nur das Trampolin zu seinem großen Traum werden: sein eigenes Restaurant, das „Aubergine“. Hier steckte die ganze Leidenschaft des Künstlers und des Menschen Witzigmann. Hier wurde der Gast als Freund gesehen und verwöhnt. Der Gourmet-Tempel sorgte international für Riesen-Furore, als er nach nur einem Jahr als erstes Restaurant Deutschlands und zweites weltweit außerhalb Frankreichs mit drei Michelin Sternen ausgezeichnet wurde. Hier traf sich der internationale Jet-Set und dennoch, – es waren die einfachen, bescheidenen Leute, die sich das Essen zusammengespart hatten, für die Multitalent Witzigmann am liebsten kochte: „Das war für mich immer eine Herausforderung. Ich wollte diesen Leuten immer mit auf den Weg geben, dass es mich wahnsinnig freut, dass sie mich beehren. Ich wollte, dass der Tag für sie unvergesslich bleibt“, erinnert er sich mit eine großen Portion Nostalgie in seinen Worten.

Obwohl er heute sagt, dass er sein Leben sehr intensiv gelebt und es sehr genossen hat, trauert er seinem Lieblingsrestaurant noch heute hinterher: „Das Aubergine gibt mir immer wieder einen Stich ins Herz. Das hätte man anders lösen können“, sagt der Mann mit dem unverwechselbaren Namen. Sein Sternzeichen ist Krebs, Aszendent Stier: „Ich bin sehr sensibel und leicht verletzbar und fühle mich ganz schnell verkannt. Dann ziehe ich mich zurück in meine Höhle.“ So klingt ein wahrer Künstler und Held, den die Welt tatsächlich manchmal nicht verstanden hat und zu hart bestrafte.

Witzigmann hat niemals aufgegeben, immer nach vorne geblickt. Er ist immer noch eine einzigartige Marke, wird mit Auszeichnungen nach wie vor überhäuft, und ist erfolgreich als Autor, Berater und Unternehmer. Er ist Patron des Red Bull Ikarus-Restaurants im atemberaubenden Hangar 7 in Salzburg, startet ab Oktober mit dem Witzigmann & Roncalli Bajazzo und einer sinnlichen Dinnershow der Extraklasse in die zweite Saison, bereiste gerade die ganze Welt für seine preisgekrönte Dokumentation „Kulinarische Weltreise“, hat gerade sein neues Kochbuch „Kochschule. Die Bibel der guten Küche“ geschrieben und ist nach wie vor Inspiration für junge und alte Meisterköche auf der ganzen Welt. Als großer Liebhaber guten Champagners („Für mich immer ein besonderer Augenblick“), hat er unlängst seine eigene Marke „Pierre Gimonet & Fils“ kreiert. Seine Arbeit macht ihm Spaß: „Ich mache das gerne, das tut mir gut.“ Eines habe er vielleicht verpasst, seine Kinder aufwachsen zu sehen und auch seine Enkelkinder sehe er viel zu selten.

Nach Bad Gastein in Österreich, dem Ort seiner Jugendjahre, fährt er nur noch selten, aber in seinem Herzen ist er stolz, Ehrenbürger dieser kaiserlichen Kurstadt zu sein. Genau hier nämlich hatte eigentlich alles begonnen im Hotel Straubinger, wo er nach der Handelsschule eine Kochlehre absolvierte – sehr zum Unwillen seiner Eltern. Dabei hat Eckart Witzigmann die Familientradition sehr erfolgreich fortgesetzt. Sein Großvater war Bäcker, die Großmama eine Herrschaftsköchin und sein Cousin und Onkel Bäcker- und Konditormeister. Hier in Bad Gastein, im Kreise seiner Familie, hat Witzigmann gutes Essen kennen und schätzen gelernt. Hier frönte er auch einst seiner großen Sport-Leidenschaft, Fußball, Tennis, Skifahren und Fahrradfahren. Ein echter Lausbub sei er gewesen, bemerkt er erneut mit seinem verschmitzten Grinsen.

„Ich bin sehr ruhig geworden, fast schon zu brav“, so Witzigmann augenzwinkernd, der sich überhaupt nicht alt fühlt, trotz einiger gesundheitlicher Probleme mit der Bandscheibe und dem Meniskus: „Es ärgert mich sehr, dass ich keinen Sport mehr ausüben darf und dass ich sehr zugelegt habe. Ich war früher ein austrainierter Bursche.“ Auch auf dem Golfplatz hat der Meisterkoch schon eine ganze Weile keine Zeit mehr verbracht. Und was macht er in seiner wenigen Freizeit? „Ich lese täglich mehrere Zeitungen und internationale Zeitschriften. Ich möchte niemals als Fachidiot Koch abgestempelt werden. Mich interessiert alles, was sich auf der Welt bewegt.“ Und genau dies merkt man ihm an, denn Witzigmann ist eine echte Persönlichkeit, strahlt etwas Besonders aus. In seinen Gedanken sei er immer, auch im Privatleben, tief in der Gastronomie verankert. Das gehört wohl zu dem Leben eines leidenschaftlichen Künstlers auch dazu. Wahrscheinlich auch die ungebrochene Willensstärke eines Phoenix´, immer aufzustehen und nach vorne zu blicken. Sicher, er trauert den guten alten Zeiten manchmal hinterher, aber er ist stolz darauf, dass er die harten Zeiten seines Lebens so gut gemeistert hat: „Es nagt immer noch ganz schön schneidig an mir. Das wirst du auch nie wieder los. Aber es ist eine Genugtuung für mich, dass ich aus diesem Loch, in das sie mich damals geschubst haben, wieder herausgekommen bin.“

Künstler sind eben auch die Helden unserer Zeit – und Künstler ehrt man, Künstlern verzeiht man, und wer hat jemals behauptet, dass Künstler unfehlbar sind? Der französische Philosoph François de La Rochefoucauld hat einmal gesagt: Es gibt Zeiten im Leben eines jeden Menschen, erfolgreich zu sein, und es gibt Zeiten, in denen das Leben erfolgreich gemeistert werden muss. Eckart Witzigmann zeigt beides auf bemerkenswerte Art und Weise.

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