Das Golfen mag allerdings ein Indiz dafür sein, das Klaus Wowereit einen neuen Typus Politiker verkörpert, der sich nicht den Habit für die Zielgruppe 50 plus anzieht, sondern auch demonstriert, dass zum Leben mehr gehört, als am Schreibtisch zu sitzen, Reden zu halten und Grundsteine zu legen. Er verbreitet Lebensfreude und zählt zu den beliebtesten Politikern Deutschlands, auch wenn einige „Zwischenfälle“ ihm einige Dellen in der Beliebtheitskurve und Diskussionen im Berliner Abgeordnetenhaus beschert hatten. Sein Wahlspruch für seine Stadt: „Berlin ist arm, aber sexy!“
Wowereit (hc 28,9) golft in Strausberg, in Bad Saarow, im Berliner Golf & Country Club Motzener See oder bei der Hertha BSC Golf Trophy auf dem Kurs des Märkischen Golfclubs Potsdam. Sein Golfbag schleppt der Regierungs-Chef selbst, auch wenn ihm ein Caddy zur Seite steht. Wowereit spielt regelmäßig Golf, vor allem im Urlaub. „Ich liebe die Sportart Golf, weil sie durch und durch sozialistisch ist, denn auf dem Platz sind alle Menschen gleich!“ Auf dem Golfplatz hat Klaus Wowereit nur vor einem Angst: „Gleich beim Abschlag in die Grasnarbe hauen, und daneben stehen die Leute und lachen.“ Damit, dass er sein Handicap lange nicht verbessern konnte, hat er keine Probleme, denn „das hat auch sein Gutes: Sonst würde es wieder heißen, der Bürgermeister hat zu viel Zeit und spielt ständig Golf.“
Klaus Wowereit hatte die deutsche, mit einigen prüden Nerven durchzogene Gesellschaft kräftig aufgemischt, in dem er sich bei seiner Antrittsrede als Regierender Bürgermeister am 16. Juni 2001 spontan als Homosexueller geoutet hatte: „Ich bin schwul, und das ist gut so!“ Es hatte diesen mittlerweile als geflügeltes Wort in der Szene verwendeten Satz nicht aufgeschrieben: „Manchmal sind die Dinge, die aus dem Bauch kommen, die besten.“ Erst nachdem das Feedback aus dem Volke eher mit Sympathie als mit Ablehnung durchsetzt war, fand er „mutige“ Nachahmer in der Politik. Dennoch meint er: „Ein schwuler Regierender Bürgermeister macht noch keine wirklich tolerante Gesellschaft. Ich möchte gar nicht alle Kommentare hören, die man so über mich macht.“
Aber gerade bei jungen Leuten hatte dieses Coming Out glaubwürdig gewirkt. In Deutschland nähert sich Wowereits Bekanntheitsgrad mittlerweile dem von Thomas Gottschalk oder Günther Jauch, den Größen auf dem Show-Olymp. Er hat es immerhin schon auf die Titelseite des „Time Magazine“ geschafft. Die Internet-Suchmaschine Google findet bei den Begriffen „Show“ und „Klaus Wowereit“ mehr als 75.900 Einträge, in der Kombination mit „Spaß“ auch noch fast 39.600. Klaus Wowereit ist kein Spielverderber. Klar, dass er auch beim Christopher-Street-Day auf einem Wagen mitfährt. Sein Lebenspartner ist übrigens der Arzt Jörn Kubicki. Wowereit unterstützt die Aids-Hilfe.
Was hat er nicht alles schon für Bezeichnungen angeheftet bekommen: Regierender Party-, Promi- oder Zapfmeister, weil er die Feste feiert, wie sie kommen, am Tage darauf allerdings in seinem Amtszimmer mit verblüffender Kondition überrascht. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Stadt nicht unter sozialer Problematik, sondern mit Lifestyle und Lebenswert in der Öffentlichkeit verkauft und das auch selbst repräsentiert.
Der Regierende Bürgermeister von Berlin ist Opern- und Theaterfan, aber auch Genussmensch. Er kocht leidenschaftlich gerne und isst gerne in teuren Restaurants, was ihm zwischendurch einige Kilo zu viel bescherte. Sein Lieblingsthema bei Talk- und Late-Night-Shows ist ohnehin das Abnehmen (zehn Kilo weniger in vier Wochen mit Trennkost und Disziplin, täglich 30 Minuten Gymnastik). Sein Weinkeller kann sich sehen lassen. Er ist gediegen, klassisch und teuer gekleidet – so sieht es zumindest aus, denn er räumt ein, dass er meistens Sonderangebote kauft. Er verkörpert Stilsicherheit und perfekte Etikette, so wie auf dem Golfplatz. Ein bisschen Glamour schart er immer und gerne um sich und empfängt als bekennender Kino- und Hollywood-Fan berühmte Schauspielerinnen oder sogar Tom Cruise und Harrison Ford in seinem Roten Rathaus. Wowereits Rechtfertigung: „Der Filmstandort Berlin steht auf unserer Agenda ganz oben. Das wird gepflegt.“ Sprach’s und übernahm selbst Gastrollen in „Berlin, Berlin“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Überzogene Eitelkeit oder gar starkes Geltungs-Bewusstsein werden ihm allerdings nicht nachgesagt.
Der öffentliche Zungenkuss seinerzeit mit „Dschungel-Königin“ Desirée Nick hatte ganze Yellow Press-Seiten gefüllt und ihm ein parlamentarisches Nachspiel eingehandelt. Dass es ein Fehler war, gesteht er gerne ein. Dennoch: „Küsse gehören zum Leben, und ich finde an Küssen auch gar nichts Schlechtes. Es war allerdings ein privater Kuss, der öffentlich geworden ist. Ein Kuss zwischen Freunden! Wenn man sich als Mensch ein bisschen Spontaneität bewahren will, dann muss man die Schlagzeilen und auch die politische Debatte darüber in Kauf nehmen.“
Klaus Wowereit ist in einer Zeit Regierender Bürgermeister, in der das Unternehmen Berlin schlicht und ergreifend Bankrott ist. Obwohl vom Bund bereits Jahr für Jahr zehn Milliarden Euro zugeschossen werden, liegt die Latte des Schuldenbergs mittlerweile auf 60 Milliarden Euro. Jede Sekunde kommen knapp 200 Euro dazu – 16.340 Euro Euro lautet die Pro-Kopf-Verschuldung. Wowereit hat beim Bundesverfassungsgericht Klage mit dem Ziel eingereicht, dass die übrigen Bundesländer sich an der Sanierung des Berliner Etats beteiligen. Ein verzweifelter und stark kritisierter Schritt.
„Ich bin ein echtes Berliner Kind“, kommt Klaus Wowereit auf seine Vita zu sprechen. Ich bin am 1. Oktober 1953 im Bezirk Tempelhof geboren. Ich wuchs ohne Vater mit vier Geschwistern auf. Als Jüngster musste ich früh lernen, mich zu behaupten. Obwohl meine Mutter aus einfachen Verhältnissen kam und wir bescheiden lebten, konnte ich als erster aus meiner Familie aufs Gymnasium gehen und danach studieren. Das war nur möglich, weil die sozialdemokratische Bildungspolitik unter Willy Brandt auch Kindern aus ärmeren Elternhäusern diese Chance bot und weil die ganze Familie zusammenhielt. Mein älterer Bruder, der berufstätig war, hat mich eine Zeit lang im Studium finanziell unterstützt. Nebenbei musste ich, wie viele andere, jobben.“
Er fährt fort: „Schon als Schüler hatte ich mich den Jungsozialisten angeschlossen und war in die SPD eingetreten. Zu ihr fühlte ich mich als politisch wacher junger Mensch hingezogen. Eine andere Partei kam für mich gar nicht in Frage. Willy Brandt war für mich eine Leitfigur. Wie er als Außenminister und dann als Bundeskanzler die Entspannungs- und Ostpolitik vorantrieb und wie er den Reformstau auflöste, das hat mich fasziniert und mitgerissen. Vor dem Studium gab es für mich nur eine Alternative: Rechts- oder Politikwissenschaften. Ich entschied mich für Jura und hatte vor, Richter zu werden. Während des Studiums engagierte ich mich bei den Jusos und in meiner Partei. Die Arbeit bei der SPD machte mir von Anfang an Spaß. Ich wollte politisch etwas bewegen und verändern, auch wenn das nicht immer einfach war. Meine zweite juristische Staatsprüfung legte ich 1981 ab, danach arbeitete ich beim Senator für Inneres in Berlin.“ Wenig später war Klaus Wowereit mit 31 Jahren der jüngste Stadtrat von Berlin. „Wenn ich etwas vermisse, dann eigene Kinder“, bedauert er, „denn Familie ist ganz wichtig! Eine so tiefe Vertrauensbasis wie die in der Familie gibt’s sonst nicht.“
