Starker, schottischer Golf-Tobak

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Sagen wir mal so: Nicht ausnahmslos alles, was mit Golf zu tun hat, muss zwangsläufig distinguiert, ruhig und von schwungvoller Schönheit geprägt sein. Das belegt recht eindrucksvoll ein unglaubliches Buch über unseren Sport: Coma. Vorsicht also, hier werden nicht die religiösen Gefühle der Leser verletzt, sondern vielleicht eher ihre golf-ethischen. Mit Sicherheit aber ihre – auch wenn Sie’s vielleicht nicht öffentlich zugeben – Lachmuskeln. Golfwelt führte ein Interview mit dem Autor des Krimis, einem ungewöhnlichen Zeitgenossen.

John Niven ist 42 Jahre alt und hat schon einiges erlebt und gearbeitet. Aber dazu später. Heute ein Bestsellerautor und Familienvater, hat der Autor nicht mehr so viel Zeit zum Spielen wie damals, als Golf noch eine mittelprächtige Manie für ihn war und die Idee zum Buch reifte. „Mit fünf Jahren habe ich zum ersten Mal Golf gespielt“, erzählt John Niven. So was prägt natürlich, vor allem, wenn man aus Schottland stammt, wo andere Jungs in dem Alter Fußball spielen. „Und ich liebe Golf bis heute!“ betont er – das ist wichtig zu wissen, denn wie wir später sehen werden, könnte man eher das Gegenteil vermuten.

Ich wollte keinen normalen Job

Was kann man also von einem Mann erwarten, der in Ayrshire geboren wurde, schon als Stöpke golfte und als Teeny in einer Indieband namens „The Wishing Stones“ spielte, der später englische Literatur studierte und dann in der Musikindustrie arbeitete? Zunächst einmal so viel wie von jedem anderen Durchschnittstypen. Aber Niven wurde A&R-Manager, also eine Art Trendscout für kommende Musikgeschmäcker. Und hier fiel er mit zwei schwer vermittelbaren Entscheidungen auf: Er beschaffte der Band Mogwai einen Vertrag, Coldplay lehnte er dagegen mit der Begründung ab: „Wer will schon einen drittklassigen Radiohead-Verschnitt?“ Vielleicht erklärt sich sein damaliges skurriles Selbstverständnis am besten mit seinem eigenen Lieblingszitat, das in jedem Niven-Interview auftaucht: „Nach meinem Examen war ich mir über zwei Dinge klar: Ich wollte keinen normalen Job. Und ich wollte Geld verdienen. Ich war genauso faul wie habgierig, also prädestiniert für eine Karriere im Musikgeschäft.“

Kill Your Friends

Nun war das Musikbusiness aber vielleicht doch nicht der beste Platz für den jungen Mann, denn wie viel er von den Machenschaften dort hält, zeigte er mit seinem fulminanten Erstlingskrimi „Kill Your Friends“. Im England der späten 90er-Jahre ist Steven Stelfox als A&R-Manager für eine bekannte Plattenfirma tätig. Für den Erfolg ist ihm jedes Mittel recht, und so torkelt er mordend und zertrümmernd durch ein selbst inszeniertes Inferno, in dem er eine wahre Spirale der Maßlosigkeit in Bewegung setzt. Scharfzüngig, brutal und mit rabenschwarzem Humor stellt Niven eine Musikindustrie vor, die wir – beschwingt von Madonna und anderen Leichtdudlern – nur im Buch so niederträchtig erleben wollen. Bela B. jedenfalls, der Schlagzeuger der deutschen Rockband „Ärzte“ und mithin selbst seit vielen Jahren ein Kenner des Musikbusiness, nannte „Kill Your Friends“ ein „Hooligan von einem Buch“. Erfolg macht bekanntlich mutig, und so stürzte sich Niven auf das nächste Projekt. Jetzt sind wir endlich bei unserem Spezialgebiet. Denn der Krimi „Coma“ ist so tief im Golf verwurzelt wie die Golfwelt, die Sie in Händen halten. Allerdings war selbst bei uns Golf nur ganz selten so aufregend und rasant wie in „Coma“. Und definitiv noch nie so versaut!

Zwanghaftes Bedürfnis zu öffentlicher Masturbation

Und so geht die Geschichte: Gary aus der schottischen Kleinstadt Ardgirvan ist ein grundsympathischer Loser, der nicht merkt, dass seine Gattin Pauline mit dem stinkreich Teppichhändler Masterson schläft. In seiner großen Leidenschaft – nämlich Golf spielen – trifft er keinen Ball vernünftig. Garys Bruder Lee dagegen ist ein erfolgloser Kleingangster, der sich mit Unterweltboss Ranta angelegt hat und bis zur Halskrause in der, man kann’s nicht anders sagen, Scheiße steckt. Gewöhnen Sie sich lieber an diesen Ton, denn der dominiert nämlich das Buch … in seinen sanften Seiten. Während Ranta ganz gekonnt einen unliebsamen Gegner zur Warnung mit einem Golfschläger entmannt, trifft der nicht ganz so perfekt geschlagene Ball eines Mitspielers Gary genau an der Schläfe. Als unser glückloser Held aus dem Koma erwacht, hat sich einiges geändert: Er spielt wie ein junger Gott Golf, dafür ist seine Sprache durch das plötzliche Tourette Syndrom vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Und er hat das zwanghafte Bedürfnis zu öffentlicher Masturbation. Gary spielt sich rasant schnell bis zur Schottischen Open Championship hoch und beglückt eine Journalistin genauso wie eine wachsende Fangemeinde. Interviews gelingen nicht ganz so gut. Währenddessen tut sich Lee mit dem Beglücken von Unterweltboss Ranta schwer, denn er sollte als Ausgleich für einen geplatzten Drogendeal eigentlich die Ehefrau von Teppichhändler Masterson umbringen, was ihm aber nicht gelingt.

So nähert sich die Dramatik von vielen Seiten einem wunderbar hoch geschaukelten Finale zu: Geschockte Golfprofis, der verbal abgedrehte Gary, die versammelte Gangstergemeinde von Ardgirvan und einige andere kauzige Randfiguren spielen und prügeln sich auf der Open Championship ihrem jeweiligen Höhepunkt entgegen, der in einer fulminanten Burleske eskaliert. All das ist nichts für zarte Seelen, aber wer derben britischen Humor mag, der wird bei „Coma“ sein helles Entzücken finden. Vulgär, rabenschwarz, pudertrocken und mit sehr viel Liebe fürs Golfen baut Niven hier einen Roman zusammen, der auch für Nicht-Golfer einen Heidenspaß bringt.

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