Es war Donnerstag, und donnerstags ist Golf-Senioren-Tag. Mein Freund Friedhelm ist ein typischer Senioren-Golfer. Ehrgeizig, sehr eifrig und immer dabei. Der Donnerstag ist ihm heilig. „Nur wer regelmäßig hart an sich arbeitet hat Erfolg“, ist seine Devise. Friedhelm ist vom Golfspiel fasziniert. Immer und immer wieder erzählt er von seinen Erfolgen und seinem überragenden Können. Am Anfang war seine geduldige Frau das strapazierte Opfer. Seit ein paar Jahren hat er seinen En-kel Sebastian zu einem besessen interessierten Zuhörer gemacht, und der entwickelt sich zu einem Golfexperten aller erster Klasse.
Heute kam Friedhelm besonders erschöpft und enttäuscht vopm Golfen nach Haus. Erschöpft, weil es sehr heiß gewesen war. Enttäuscht, weil er mal wie-der weit unter seinem Handicap gespielt hatte. Die Runde war schlecht gelau-fen, und er sehnte sich nach Ruhe. Nach Erzählen war ihm nicht zumute. Aber daraus wurde nichts, sein Enkel wartete schon auf ihn. „Opa, erzähl mal 18 Loch. Hast Du gewonnen?“
„Na ja“, sagte Friedhelm, „es war sehr heiß und ich hatte meine Wasserflasche vergessen. Außerdem war ich mit Onkel Ewald im Flight, und Du weißt ja, wer mit dem spielen muss, der…“
„Du hast also nicht gewonnen,“ unterbrach ihn der Kleine.
„Nein, ich habe nicht gewonnen. Ich habe doch schon gesagt, dass es sehr heiß war, und dass es nicht besonders gelaufen ist“, antwortete Friedhelm leicht säuerlich.
„Hast Du denn auf der Eins wenigstens mit Deinem neuen Driver abgeschlagen und den anderen gezeigt was Du drauf hast, oder hast Du Dich mal wieder nicht getraut“, fragte Sebastian erwartungsvoll.
„Natürlich habe ich mich getraut, was denkst Du? Ich habe schließlich extra Trainerstunden für meinen neuen Driver genommen!“
“Weiß ich“, sagte Sebastian, „aber bisher hat es nicht viel gebracht, das hast Du selbst gesagt, Opa.“
Friedhelm fand, dass sein Enkel recht unrespektierlich mit ihm umging, aber das half jetzt auch nichts. Schließlich war er selbst es gewesen, der dem Jungen immer und immer wieder vom Golf erzählt hatte. „Wie weit hast Du Deinen Abschlag denn rausgehauen”, hörte er seinen Enkel fragen.
„Mein Ball lag links vom Fairway-Bunker, und von da aus habe ich ihn weit über die Birke bis 8o Meter vors Grün geschlagen“ brüstete sich Friedhelm. „Donnerwetter“, staunte Sebastian mit misstrauisch fragender Stimme, „dass muss aber ein Mordsding gewesen sein. Unsere Eins ist ein Par Fünf, und dann mit dem Zweiten bis 80 Meter vors Grün. So weit hast Du noch nie geschlagen, Opa.“
Friedhelm wurde unsicher. Er hatte versucht, seinem Enkel einen Schlag zu unterschlagen, merkte aber, dass er das mit diesem Schlaumeier nicht mehr machen konnte. Er räusperte sich umständlich und sagte noch immer recht selbstsicher: „Ist ja auch egal, auf jeden Fall habe ich eine Sechs gespielt, und das ist ja doch wohl…“
„Eine Sechs auf unserer Eins“, fiel Sebastian ihm ins Wort, „eine Sechs hast Du hier noch nie gespielt. Am letzten Donnerstag war es eine glückliche Acht, und vor 14 Tagen und auch vor drei Wochen hattest Du hier einen Streicher!“
Friedhelm wusste was auf ihn zukam. Er musste Zeit gewinnen, aber der Kleine gab nicht nach.
„Wie hast Du denn das Grün angespielt, Opa? Hast Du mit dem Eisen Neun geschlagen?“
„Ich weiß es nicht mehr so genau“, antwortete Friedhelm leicht gereizt, “es kann auch sein, dass es mehr als 80 Meter waren und ich die Sieben nehmen musste. Die Hauptsache ist ja aber doch wohl, dass ich mit sechs Schlägen im Loch war“, versuchte er abzulenken, aber Sebastian bohrte natürlich weiter.
„Warst Du nun mit dem Dritten auf dem Grün oder warst Du es nicht, Opa?“
„Nein, ich war nicht auf dem Grün,“ gab Friedhelm gequält zu, „ich glaube aber, dass ich doch die Neun genommen habe, und das sind für mich 80 Meter, wie Du weißt.“
„Weiß ich Opa, wenn der Ball gut liegt und Du ihn richtig triffst, dann kannst Du mit der Neun auch hundert Meter schlagen, und das hätte doch dann ei-gentlich gereicht!“
„Ich lag nun aber mal nicht auf dem Grün, und ich habe ja auch nur noch zwei weitere Schläge bis ins Loch gebraucht. Trotzdem bin ich stolz auf meine Leistung!“ Friedhelm hatte schon lange gemerkt, dass er das mit seinen Schlägen nie und nimmer mehr hinkriegen würde.
„Das kann nicht stimmen, Opa“, hörte er Sebastian einwenden, „das wäre ja dann ein Par gewesen. Zuerst der Abschlag, dann Dein Superding über die Birke, der dritte Schlag war die Annäherung, und dann kam das, was Du nicht mehr richtig weißt, Opa.“
Friedhelm kam ins Schwitzen. Seine Autorität stand auf dem Spiel. Wie sollte er da je wieder rauskommen. Verzweifelt blickte er zu seiner Frau. Sie war gerade ins Zimmer gekommen und hatte das Gespräch mitgehört. Sie verstand das bittende Flehen in seinen Augen, denn sie kannte ihn. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass er sich bei den Berichten über seine tollen Golfrunden völlig verrannt hatte.
„Deine Mutti hat angerufen“, sagte sie lächelnd aber sehr bestimmt zu Sebastian, „das Abendbrot ist fertig, und Du sollst bitte sofort rüberkommen.“ Friedhelm hätte seine Frau küssen können. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, er war gerettet.
„Schade Opa, dass ich gerade jetzt nach Hause muss,“ sagte Sebastian ent-täuscht, „aber morgen ist Freitag, und freitags brauchen wir keine Schularbei-ten zu machen. Dann komme ich wieder rüber, und dann erzählst Du mir die anderen siebzehn Bahnen. Ich freue mich schon!“
„Ich mich auch“, lächelte Friedhelm gequält.
Für morgen allerdings war er fest entschlossen, nach der Schule nicht zuhau-se zu sein, denn diese sechs Schläge auf der Bahn Eins würde er seinem Enkel nie und nimmer erklären können.
Auch morgen nicht.
