Seit einigen Jahren erleben Edel-Baumhäuser in Europa und den USA eine wahre Renaissance – oft als Refugien, von denen aus die hektische Welt mit Abstand und Gelassenheit betrachten werden kann. Hollywoodstar Val Kilmer besitzt bereits eins in New Mexico, Popstar Sting ließ sich eins in der Toskana errichten und auch Designerin Donna Karan logiert in ihrer Freizeit gerne in den Kronen ihres Baumes. Wer es sich leisten kann, lässt sich heutzutage sein individuell designtes Luftschloss im eigenen Garten errichten. Mit den windschiefen Bretterbuden Marke Eigenbau, die von so vielen Vätern über Nacht in die Äste gezimmert wurden, haben diese modernen Baumhäuser allerdings nichts mehr gemein.
Der Wipfel wird salonfähig
Die Wipfelhäuser des 21. Jahrhundert können mühelos den vollen Komfort eines normalen Eigenheims bieten – sofern die Geldbörse nur prall genug gefüllt ist. Ein luxuriös ausgestattetes Baumhaus kann schnell mal über 150.000 Euro kosten, das teuerste in Europa schlug sogar mit vier Millionen Euro zu Buche. Anfang 2006 wurde der Ferrari unter den Baumhäusern in der nordostenglischen Grafschaft Northumblerland eröffnet. Ganze sechs Bauunternehmen, dreißig Tischler und unzählige Handwerker planten, sägten und hämmerten in Alnwick Castle ein über zwanzig Meter emporragendes Bauwerk auf sechzehn Baumstämmen zusammen, das über dreihundert Menschen Platz bietet. Für die imposante Konstruktion war der schottische Anbieter Treehouse Company (www.treehouse-company.com) verantwortlich. Der nach eigenen Angaben weltgrößte Baumhausbauer stattet seine edlen Wipfelhäuser auf Wunsch mit allem nur erdenklichen Komfort aus: Fließendes Wasser, Klimaanlage, Zentralheizung, Internetanschluss und Whirlpool – der moderne Baumbewohner muss heutzutage auf keinen Luxus mehr verzichten.
Baumhäuser Made in Germany
Mit solch gigantischen Dimensionen kann Andreas Wenning zwar (noch) nicht mithalten, dennoch hat es der Bremer Architekt binnen weniger Jahre geschafft sich als führender Anbieter von Baumhäusern in Deutschland zu etablieren. Mit seiner im Jahr 2004 gegründeten Firma Bauraum (www.baumraum.de) entwarf er bereits über zwanzig „Hoch-Häuser“. Wer sich für ein Refugium aus der Feder von Wennings Baumhausschmiede entscheidet, muss je nach Wunsch drei bis zwölf Monate auf die Fertigstellung seines neuen Domizils warten – vorausgesetzt, dass auch ein passender Baum zur Verfügung steht. „Er sollte gesund und erwachsen sein. Eiche, Lerche, Ahorn und Esche sind besonders geeignet“, so Wenning. Theoretisch kann ein luftiges Zweithaus in fast jedem Baum konstruiert werden, doch letztendlich entscheiden immer Festigkeit, Gesundheit und Beschaffenheit der Bäume über Größe, Form und Höhe. Aber auch wer in seinem Garten kein ideales Fundament sein Eigen nennt, muss nicht auf die Verwirklichung verzichten. Im Notfall lässt sich das Haus auch mittels Stützen in die Baumkrone stellen.
Da Wenning seine Projekte stets im Einklang mit der Natur entwirft, gleicht auch keines seiner Wipfelhäuser dem anderen. Dafür sorgen nicht allein schon die beweglichen und lebendigen Bauplätze, sondern auch die zeitgenössische Formsprache des Architekten. Ebenso einzigartig ist auch die Befestigung seiner tonnenschweren Konstruktionen. Auf Bolzen, Nägel und Schrauben verzichtet er nämlich völlig und nutzt stattdessen ausgeklügelte Seilkonstruktionen. Flexibel sollen seine Verbindungen sein, damit die Rinde und der natürlichen Wuchs des Baumes nicht zerstört werden. „Entscheidend ist, dass das Bauwerk in einem Dialog mit dem Baum steht“, erklärt Wenning. Ab 18.000 Euro kommen Wipfel-Fans bei der Firma Baumraum in den Genuss eines Einsteigermodells: ein Einraum-Haus mit Bett, Fenstern, Licht und Wärmedämmung. Der Durchschnittspreis liegt bei etwa 35.000 Euro, das teuerste Luftschloss hat bisher 180.000 Euro verschlungen. „Viele lassen sich für die ganze Familie ein Baumhaus bauen, nicht nur für die Kinder“, weiß der Architekt zudem über die Motivationen seiner Kunden zu berichten. So auch 2007 in Melle bei Osnabrück: Eingebettet zwischen einem Magnolienbaum und mehreren Tannen realisierte er für ein Ehepaar sowie deren Kinder und Enkel ein hochwertig ausgestattetes Baumhaus in Kubusform. Genutzt wird es sowohl als Rückzugs- und Erholungsort, als Spielraum sowie als Treffpunkt mit Geschäftspartnern. Mittlerweile sind Wennings Baumhäuser auch international immer stärker gefragt: In Brasilien wünschte sich eine Familie ein eigenes Baumhaus im Garten, um dort gemeinsam fernsehen zu können. Und in den USA errichtete er zuletzt in einem prächtigen Ahornbaum einen Feriensitz, der über einem steilen Felshang mit herrlichem Blick über die Hügellandschaft des Hudson River ragt.
Dass Baumhäuser nicht nur was für Kinder sind, bewiesen schon die Römer. Kaiser Caligula ließ sich im ersten Jahrhundert nach Christus Baumhäuser errichten, in denen er rauschende Trink- und Essgelage abhielt. Während der Renaissance bauten die Medicis kleine Marmorpaläste in Bäume und wetteiferten untereinander, wer wohl den größten und eindrucksvollsten errichten würde. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entdeckte der englische Seefahrer James Cook in Tasmanien die luftige Wohnweise bei den Einheimischen und erweckte die Idee vom Wohnen in den Kronen in Europa zu neuem Leben. Und bereits zur Jahrhundertwende waren die extravaganten Behausungen auch in Frankreich en vogue. Doch nur die britischen Inselbewohner pflegten die Kultur des Wipfelwohnens über die Jahrhunderte weiter. Eines der ältesten Baumdomizile Europas findet sich daher in der englischen Grafschaft Shropshire, im Park des prächtigen Landsitzes Pitchford Hall. Hier thront in einer mächtigen Linde ein vor 300 Jahren im gotischen Stil erbautes, hochherrschaftliches Baumhaus.
Meditieren im Baumhaus
Doch nicht nur in Design und Ausstattung sind die heutigen Baumhaus-Kreationen facettenreicher geworden, sondern auch in ihrer Nutzung. Als Spiel-, Büro- und Yoga-Raum, Tee- oder Gartenhaus oder aber ganz schlicht als Ort der Ruhe und Besinnung werden die schwebenden Domizile mittlerweile genutzt. Die Baumhäuser der amerikanischen Firma „Forever Young Treehouses“ (www.treehouses.org) dienen sogar als Veranstaltungsorte für Hochzeiten oder Treffen der Anonymen Alkoholiker. Als Hauptwohnsitz haben sich die luftigen Immobilien zumindest in Europa noch nicht etabliert. Ganz im Gegensatz zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten. „In den USA und Kanada bewohnen bereits circa 8.600 Familien solche Eigenheime“, sagt Ingenieur Martin Zeller, der die naturverbundene Wohnform auch in Europa etablieren will. Unter seiner Leitung entstehen derzeit in der Ardechè (Frankreich) so genannte Baumhauslogis: Acht mehrstöckige Gebäude mit einer Wohnfläche von 44 bis 120 Quadratmetern inklusive einem Café.
Wer das Wohngefühl im rauschenden Blätterdach erst einmal unverbindlich testen möchte, sollte am besten ein Wochenende in Deutschlands erstem Baumhaus-Hotel verbringen. Im Wald des Abenteuerparks „Kulturinsel Einsiedel“ in Zentendorf bei Görlitz stehen testfreudigen Wipfelstürmern fünf gemütliche Baumhäuser zur Verfügung – allesamt ausgestattet mit Sitzecke, Schlafnische, Minitoilette und Balkon. Verschlungene Stege verbinden die einzelnen Wipfelhäuschen mit einer Plattform im Herzen des Hotels, die neben einer Bar einen hölzernen Badezuber birgt, der über einem kunstvollen Ofen beheizt wird.
Weitere luftige Herbergen gibt es auch in der Schweiz und Österreich. Das Baumhotel im österreichischen Kopfing, das integrativer Bestandteil des zwei Kilometer langen Baumkronenwegs ist, beherbergt seit Anfang 2005 schwindelfreie Gäste in bis zu zehn Metern Höhe. Auf den Zimmerservice muss zwar auch hier verzichtet werden, dafür ist jedes der sechs Baumhäuser mit Kochnische, Dusche, Heizung und Balkon ausgestattet. Weitaus luxuriöser lässt es sich dafür am Rand von Le Locle im Kanton Neuenburg logieren. In einer erhabenen Esche thront hier das achteckige Baumhaushotel „Couett`Nid“ von Karin und Jean-Paul Vuilleumier, das Platz für vier Personen bietet. Das eingebaute Studio mit Küche und Bad lässt keine Wünsche offen und bietet einen herrlichen Rundumblick. Einziger Wehrmutstropfen: das „Couett’Nid“ ist fast immer auf Monate hinaus ausgebucht (www.gite3frenes.ch). Einen großen Nachteil haben allerdings alle Baumhäuser gemeinsam: Bei Sturm und Gewitter sollte jeder seine hölzerne Residenz rasch verlassen, denn wenn ein Blitz in den Baum einschlägt, kann es gefährlich werden.
