Aber zurück zum Anfang. Nach einem Sportstudium und einer kaufmännische Ausbildung landete Iris de Hoogd in der Fitnessbranche. Hier kam sie erstmals mit Pilates in Verbindung und war so fasziniert von der ungewöhnlichen Trainingsmethode, dass sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und selbst eine Ausbildung zur Pilatestrainerin zu machen. Was dann folgte war ein regelrechter Pilates-Tourismus. Sie reiste kreuz und quer durch die Welt, um verschiedenste Einflüsse in ihre Programme mit aufnehmen zu können. Schließlich machte sie sich selbständig mit Pilates-Kursen. Soweit Pilates.
Kommen wir zum Golf. Iris de Hoogd golft selbst seit etwas mehr als zwei Jahren. In diesem Sommer will die passionierte Spielerin, die, wie sie sagt, einen sehr sportlichen Stil verfolgt ihr Handycab runterspielen. Momentan liegt es bei 42. Sie musste sich eben sehr um Pilates kümmern. Schon als Anfängerin wurde ihr bewusst, dass zwischen Pilates und Golf eine enge Verbindung besteht. Oder bestehen sollte. „Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen – alles was beim Golf nicht klappt, lässt sich durch Pilates verbessern!“ Natürlich macht das Spezialtraining nicht aus jedem Sonntagsgolfer einen Profi, aber bei den meisten kann Pilates etwas verbessern, weil es genau da ansetzt, wo viele Golfer Probleme beklagen, zumindest, wenn sie ein Bewusstsein für den eigenen Körper haben. Im Grunde geht es nämlich genau darum, um ein Körperbewusstsein, das die meisten erst einmal entwickeln müssen, um Konzentration und natürlich um die Kraft aus der Mitte, die erst einen stabilen Stand und einen schwungvollen Abschlag ermöglicht. „Die meisten Golfer arbeiten nur an ihrer Technik. Pilates ist kein Techniktraining, sondern ein Körpertraining. Das rundet das Spiel ab.”
Sich selbst sieht Iris de Hoogd weder als Golftrainer, noch als Wunderheiler, sondern als Verbindung zwischen Pro, Orthopädie, Physiotherapeut und Golfer. „Die Pros schicken ihre Leute ganz gerne zu mir. Wenn zum Beispiel die muskuläre Balance fehlt und der Schwung verbessert werden kann. Oder wenn sie schon beim Orthopäden waren und danach wissen wollen, wie sie ein bestimmtes Problem vermeiden können. Fehler führen zu Blockaden und die wieder zu orthopädischen Problemen“. Wenn die Bewegungsabläufe wieder sitzen und mit einem gewissen Körpergefühl gekoppelt werden, ist die präventive Funktion von Pilates enorm. „Die Verletzungsgefahr sinkt ganz automatisch“. Deshalb kann, wenn alles gut läuft, das Pilates-Training die aktive Golf-Zeit bis ins hohe Alter verlängern.
Das Besondere an ihrer Kundengruppe sieht Iris de Hoogt darin, dass Golfer ihren gesundheitlichen Problemen meistens keine große Aufmerksamkeit schenken. „Sobald die Sonne scheint, rennen die Golfer auf den Platz, akute Schmerzen werden zwar zwischendurch behandelt, aber dann muss wieder durchgehalten werden. Im Winter werden die Wunden geleckt. Die meisten kommen erst, wenn es richtig weh tut“. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Das schwächste Glied knickt irgendwann ein, das ist meist der Rücken, die Schulter oder die Wirbelsäule. Pilates setzt hier an. Es stabilisiert den Rumpf, zieht den Rücken in die Länge, fördert die gesamte Bauch- und Rückenmuskulatur und entlastet Knochen und Gelenke. Schon ein mechanisches Bild macht deutlich, wie einfach die Technik funktioniert: eine krumme Wirbelsäule kann nicht rotieren. Schon beim Gedanken daran melden sich die Bandscheiben. Und kein Golfer kann stabil stehen, wenn der Rumpf nicht mitmacht. Schon unser normaler krummer Schreibtischrücken ist zum Abschlagen völlig ungeeignet. Also: Bauchnabel rein, Brust raus, in die Lunge atmen und Beckenboden anspannen. Schon sieht der Stand ganz anders aus.
Wie lange braucht der Golfer denn nun, bis er seine notorische Faulenzerfehlhaltung für immer korrigiert hat? „Zum ersten Verstehen brauchen die meisten Anfänger etwa fünfzehn Stunden“. Iris de Hoogd bietet deshalb Workshops zum reinschnuppern an und arbeitet in Kleingruppen oder Einzelstunden mit den Kunden weiter. „Viele haben schon sehr früh ein Aha-Erlebnis und kommen wieder. Was sie dann recht schnell merken, ist, dass Konzentration und Körperbeherrschung zunehmen. Sie verstehen, dass ihr Körper funktioniert, und dass gute Schläge nicht mehr Zufall sind, sondern wiederholbar werden“. Sich selbst sieht sie als Personal Trainer, der hier und da verbessert und eine Ergänzung und Bereicherung für den Trainierenden bereitstellt. Den Pros möchte sie nicht ins Gehege kommen. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Sie arbeitet ja nicht am Schwung, sondern an der Stabilität und schafft so die Voraussetzungen für den Schwung im körperlichen Bereich. „Wenn Anfänger Pilates verstanden haben, kann man sie laufen lassen und später wieder kontrollieren“. Wenn alles gut geht, verselbständigt sich das im Alltag. Sie gehen leichter und konzentrierter die Treppe hoch, strecken gelegentlich bewusst die Wirbelsäule und bekommen irgendwann beinahe automatisch eine bessere Haltung. Ein besonderer Pilates-Vorteil: Jeder kann die Übungen machen und sie individuell seiner eigenen Kraft und Stabilität anpassen. Dadurch können verschiedene Altersgruppen und Trainingsniveaus auch parallel unterrichtet werden. „Meine älteste Kundin ist 86, meine jüngste 26, aber das Alter spielt überhaupt keine Rolle, weil jeder sein eigenes Pilates macht.”
Auf die Idee, Pilates und Golf zusammenzubringen, erhebt Iris de Hoogt selbst keinen Privatanspruch. „Der Trend, Pilates und Golf zu kombinieren, kommt wie so vieles in diesem Bereich aus den USA, Deutschland hinkt hier etwa zehn Jahre hinterher“ und daher bezieht sie auch Literatur und Techniken weiterhin aus Übersee. Dort arbeiten die Profis schon längst mit ihren Personal-Pilates-Trainern. Ein bekennender Fan ist der Mann, der dafür gesorgt hat, dass Golf sportlicher und dynamischer wurde: Tiger Woods. Dieser neue Stil, der dem Sport den Geruch des Ruheständlerzeitvertreibs nimmt, sorgt nicht zuletzt dafür, dass das Bedürfnis nach Fitnessangeboten und Begleittraining wächst: „Ich bemerke das schon bei uns auf dem Platz. Die Jungen, die nachkommen, spielen einfach dynamischer. Das muss so ein Körper aber erst einmal mitmachen. Eine schwache Struktur kann das nicht auffangen.“
Natürlich haben auch andere Pilatestrainer das Potenzial des Trends entdeckt und bieten Kurse für Golfer an. Iris de Hoogd betrachtet die Konkurrenz mit Gelassenheit. „Es bringt gar nichts, wenn Sie Pilatestrainer sind und nicht selbst golfen. Die meisten von den Kollegen kennen die Bewegungsabläufe beim Golf überhaupt nicht. Ich denke man muss Golfer sein, um Golfer zu verstehen. Wer die Faszination nicht teilen kann, wird auch mit den Problemen der Golfer nicht klarkommen.“
Was ist Pilates?
Entwickelt wurde die Trainingsmethode vor etwa 100 Jahren von dem Deutschen Joseph Hubert Pilates. Zuerst nutzten Turner, Artisten und Tänzer das ganzheitliche Körpertraining um die Rumpfstabilität zu erhöhen, später galt Pilates als Geheimtipp der Hollywoodstars für einen flachen Bauch. Ziel des Trainings ist eine Aktivierung der tiefliegenden Muskeln, die dann für eine korrekte und gesunde Körperhaltung sorgen.
